Bauingenieure stehen vor einer Vielzahl an Herausforderungen

Klimawandel und Extremwetter

Deutsches Ingenieurblatt 12/2021
Green Engeneering: Umwelt, Energie, Mensch
Ingenieurbüros

Veränderungen der Umwelt und der Gesellschaft machen die Arbeit von Ingenieuren zu einer spannenden Angelegenheit. Ständig gilt es, Lösungen für neue Anforderungen oder Probleme zu finden, Gegebenheiten auf den Prüfstand zu stellen, Entwicklungen und Trends in die Planung zu integrieren. In Zukunft geht es auch darum, Städte resilienter zu machen.

Der folgende Artikel, verfasst von Uwe Marx, erschien unter der Überschrift „Grüner bauen” am 29. August 2021 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und darf im Deutschen Ingenieurblatt dankenswerterweise nachgedruckt werden.

„In den Städten zählt‘s“, sagt Christoph Schröder. Dort, wo „die Masse der Menschen wohnt und wohnen wird.“ Schröder ist Bauingenieur und Vorstandsmitglied der Bundesingenieurkammer; er verfolgt schon aus professionellem Interesse, wie sehr Klimawandel und Extremwetter nicht nur an den Menschen zerren, sondern auch an Gebäuden, Straßen, Brücken, der ganzen Infrastruktur.

Auf seinen Berufsstand kommt einiges zu – das ist nicht erst seit der Flutkatastrophe offensichtlich. Und weil Schröder Hamburger ist, AdobeStocksagt er: „ Es sind wie immer in der Geschichte die Städte, in denen die Herausforderungen liegen, ob Bad Neuenahr oder Hamburg.“

Trinkwasser ist nicht unbegrenzt vorhanden
Gefordert seien alle Disziplinen des Bauingenieurwesens, Straßen- und Verkehrswesen etwa, öffentlicher Nahverkehr, der Erhalt von Infrastruktur, die Versorgung mit Trinkwasser und die Entsorgung von Abwasser, Abfallwirtschaft, Tunnel- und Brückenbau und so weiter.

Es klingt düster, wenn Schröder sagt: „Auch in Deutschland wird in Zukunft Trinkwasser nicht unbegrenzt zur Verfügung stehen.“ Gleichzeitig ist er ganz unaufgeregt, was bestimmte technische Fragen betrifft. Wer etwa angesichts der schlimmen Bilder aus den Flutgebieten erwartet, dass berstende Staudämme an übervollen Talsperren zu einem Problem werden, hat die Rechnung ohne den erfahrenen Bauingenieur gemacht. Talsperrenbau werde im Grunde an jeder Uni gelehrt, sagt er entspannt, hier fehle es in Deutschland gewiss nicht an Wissen. An den Staudämmen habe auch nicht die Statik Kopfzerbrechen bereitet, sondern verstopfte Ablässe.

Diese Haltung, dass es nicht an den Ingenieuren liege, die Probleme von morgen in den Griff zu bekommen, hat unlängst auch Heinrich Bökamp, der Präsident der Bundesingenieurkammer, gezeigt. In einem Interview mit der F.A.Z. sagte er, was möglich wäre, würde man die Bauingenieure nur machen lassen. Dabei ging es nicht um Klima oder Wetter, sondern um ein anderes drängendes Problem: Brücken und ihr zum Teil erschreckend schlechter Zustand. Hauptgrund ist ein Schwerlastverkehr, wie er beim Bau vieler Brücken vor einigen Jahrzehnten unvorstellbar war, heute aber Alltag auf deutschen Straßen ist. Der Pkw-Verkehr schade Brücken kaum, sagt Bökamp, aber die vielen Schwertransporte überforderten sie. Brücken hielten 60 bis 70 Jahre, aber wenn sich der Verkehr in dieser Zeit verdoppele, könnten die Berechnungen aus den Jahren des Baus dem nicht mehr genügen. Besonders kommunale Straßenbrücken, von denen es in Deutschland fast 70 000 gibt, würden zu selten geprüft, Schäden würden größer, Risse immer tiefer. Das sei ein sicherheitsrelevantes Risiko, denn: „Wenn eine Brücke einstürzt, dann stürzt sie plötzlich ein.“ Es gebe vorgespannte und nicht vorgespannte Brücken, und die vorgespannten kündigten ihr Versagen nicht an. „Da knallt es einmal, und dann ist die Brücke weg.“

Das macht Brückenüberquerungen auf den ersten Blick wenig attraktiv. Allerdings haben Wartungsfragen nichts mit technischer Überforderung zu tun. Franziska Maier muss Bökamp in diesem Punkt nicht überzeugen. Die 31 Jahre alte Ingenieurin hat sich auf Brücken verlegt, seit sie an der TU München ihr Studium abgeschlossen und in einem Münchner Ingenieurbüro angefangen hat. „Für mich waren sie immer schon spannende Bauwerke und deshalb meine erste Wahl“, sagt sie. Die Themen Klimawandel und Nachhaltigkeit seien in ihrer Ausbildung und Arbeit längst angekommen, etwa durch einen intensiveren Fokus auf Baustoffkunde, Energieeffizienz oder Recycling - schließlich gilt die Herstellung von Beton und Zement als Zumutung für die Umwelt. Aber auch durch Projekte, die erst seit wenigen Jahren gefragt sind: So konstruiert sie sogenannte Grünbrücken, die an der Autobahn zwischen Nürnberg und Würzburg dafür sorgen, dass Tiere gefahrlos von der einen auf die andere Seite gelangen können.

Abgesehen von solchen neueren Entwicklungen im Brückenbau bleiben die alten Ingenieurtugenden essenziell. Neubauten werden heute auf die höheren Belastungen ausgelegt, außerdem kommen neue Materialien zur Stabilisierung ins Spiel. Karbonfasern etwa. Und bei Flussbrücken muss mehr denn je die Position von Widerlager, Pfeiler oder Brückenunterkante bedacht werden – die Kraft des Wassers wurde zwar selten so deutlich wie zuletzt in den Flutgebieten, aber Bauingenieure mussten sie immer schon in ihren Berechnungen berücksichtigen.

„Zu Fachidioten werden die jungen Leute früh genug“
Für einige Arbeiten von Maike Grüneberg gilt das nicht, diese sind erst in den vergangenen Jahren hinzugekommen. Und zwar auf einem Gebiet, das auf den ersten Blick nicht wie ein Hauptschauplatz umweltbewusster Bauingenieure aussieht: Parkhäuser. Auch die 26-Jährige hat ihr Handwerk an der TU München gelernt, angeregt von einem ihrer Professoren, hat sie sich auf diese Zweckbauten verlegt, in die früher einfach nur Autos reinpassen mussten.

Heute sieht das anders aus – Veränderungen der Umwelt und der Gesellschaft wegen. Wenn Maike Grüneberg heute ein Parkhaus entwirft, muss sie – anders als ihresgleichen vor einigen Jahren noch – über begrünte Dächer, die Zahl von Ladestationen für Elektroautos oder die Installation von Solaranlagen nachdenken. Außerdem haben Parkhäuser heute, sofern sie in Innenstadtlagen stehen, andere Funktionen als Parkhäuser früher. Weil es für Autos in diesen Lagen enger wird und sie mehr oder weniger vergrämt werden, wird das Parkhaus zum Multifunktionsgebäude, in dem auch Geschäfte oder Dienstleister zuhause sein dürfen. Dadurch sei die Arbeit noch spannender geworden, sagt sie.

Dass Themen wie Klimawandel, Nachhaltigkeit oder Verkehrswende Frauen aber scharenweise zu Bauingenieurinnen machen würden, bestreiten beide.

Wer früher einen Bogen um diese Männerdomäne gemacht hat, macht ihn heute oft genug ebenso. Die Entwicklung ist eher schleichend: „Immer mehr Frauen entscheiden sich, in technische Berufe zu gehen. Das liegt aber nicht nur daran, dass Umweltthemen inzwischen eine größere Rolle spielen“, sagt Grüneberg. Auch Franziska Maier findet, dass es diese Entwicklung schon zu lange gibt, um sie der Hinwendung zu neuen Themen zuzuschreiben.

Grüneberg wäre ohnehin kein gutes Beispiel, denn sie ist familiär vorbelastet: Beide Eltern sind Ingenieure, der Großvater war Architekt, ein Onkel Bauingenieur – da bekommt man früh mit, was Ingenieure ausmacht, unabhängig von den gerade aktuellen Themen: „Dieses Denken, dass etwas nie perfekt ist, dass es immer weiterentwickelt und verbessert werden kann – das ist typisch für Ingenieure.“

Christoph Schröder von der Bundesingenieurkammer sagt, dass es jetzt vor allem darum gehe, Städte resilienter zu machen. Dafür müssten Ingenieure interdisziplinär denken und bei ihren Planungen verwandte Fachdisziplinen im Blick haben. Er ist nicht sicher, ob an allen Hochschulen hierzulande die Voraussetzungen dafür gegeben sind. Diese müssten in den ingenieurspezifischen Grundlagen breit aufgestellt ausbilden. Denn: „Zu Fachidioten werden die jungen Leute noch früh genug.“ Es wäre womöglich sinnvoll, wenn die Hochschulen durchweg einen Bachelorstudiengang über sieben statt bisher sechs Semester anbieten würden.

„Zukünftig noch mehr mit der Natur planen“
Und er findet, dass schon Studenten lernen sollten, sich und ihr Fach besser darzustellen. Denn so richtig wahrgenommen würden Bauingenieure, anders als Architekten, nämlich nicht. „Wir sind in Kommunikation nicht gut“, gibt er zu. Und das in Zeiten, in denen es bei Nichtingenieuren kaum Affinität zu technischen Themen gebe und es vielmehr schick sei, mit der eigenen Unzulänglichkeit, etwa in Mathematik, zu kokettieren. Dabei zeigt sich die Baubranche als robuster Arbeitgeber – während in anderen Ingenieurdisziplinen die Stellenlage längst nicht mehr so rosig ist wie früher.

„Ingenieure müssen zukünftig noch mehr mit der Natur planen“, sagt er. Das könne auch bedeuten, nicht noch mehr Hochwasserschutzmauern zu bauen, wie zuletzt vielfach zu hören war, sondern dem Wasser mehr Raum zu geben. Für gut gerüstet hält er seinen Berufsstand für die neuen Herausforderungen allemal. Der habe immer einen guten Ruf gehabt, „vielleicht mehr im Ausland als hier zuhause.“ Aber ob Hochwasserschutz, Brückenerhaltung oder Mobilitätswende: Es werde immer Lösungen geben, denn „die Expertise ist da.“

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