„Euer Wohlbefinden ist uns wichtig!“

Gesund leben, führen und zusammenarbeiten

Deutsches Ingenieurblatt 10/2021
Finanzen, Management, Recht
Führungskräfte prägen die Arbeitsbedingungen ihrer Mitarbeiter. Sie haben zudem eine Vorbildungsfunktion für diese. Deshalb spielen sie in modernen Programmen zur betrieblichen Gesundheitsförderung stets eine Schlüsselrolle. Hierfür ein Fallbeispiel

Anfang 2019 stellte ein Versicherungskonzern in Deutschland fest: Die Zahl der krankheitsbedingten Fehltage aller Mitarbeiter ist im zurückliegenden Kalenderjahr gestiegen; insbesondere die psychisch bzw. stressbedingten Erkrankungen nahmen zu. Deshalb entschied das Unternehmen eine Qualifizierungsinitiative zu starten, die darauf abzielt, das Gesundheitsbewusstsein der Mitarbeiter und deren Resilienz zu stärken und die Kompetenz der Führungskräfte, ihre Mitarbeiter auch gesundheitsorientiert zu führen, zu erhöhen.  

Als Pilotbereich für das Projekt wählte die Versicherungsgesellschaft den Vertrieb, in dem bundesweit fast 2000 Mitarbeiter im Außendienst und etwa 300 Mitarbeiter im Innendienst arbeiten. Insbesondere die Außendienstmitarbeiter, die oft selbständige Handelsvertreter sind, haben aufgrund der vielen Kundentermine nicht nur einen sehr unregelmäßigen Arbeitsalltag, sie müssen diesen auch weitgehend selbst strukturieren. Und ihre Führungskräfte? Sie müssen die Mitarbeiter ihrer Vertriebsregion im Alltag weitgehend aus der Ferne führen. Auch daraus resultieren besondere Anforderungen und Belastungen.  

Ziele des (Pilot-)Projekts
Für das Projekt, das darauf abzielte, die Gesundheitskompetenz aller Mitarbeiter und die Führungskompetenz der Führungskräfte zu stärken, definierte der Konzern im Dialog mit MTI unter anderem folgende Teilziele: 

  • das Gesundheitsbewusstsein der Mitarbeiter inklusive der Führungskräfte zu fördern,
  • ihre Selbstführungskompetenz in Sachen Gesundheit zu erhöhen,
  • ihre Motivation, regelmäßig Gesundheitssport zu treiben, zu steigern,
  • ihre körperliche Leistungsfähigkeit zu verbessern,
  • ihr Ernährungsverhalten zu optimieren, 
  • ihre Kompetenz, Stress zu erkennen und zu bewältigen, zu erhöhen,
  • ihre Gesundheitsrisiken zu minimieren, 
  • ihr persönliches Leistungsvermögen zu verbessern und ihr Wohlbefinden zu steigern,
  • eine Kultur der Eigenverantwortung im Vertrieb zu etablieren,
  • das aktive Gesundheitsmanagement zu forcieren und
  • die Fehlzeitenquote zu senken.

Die Schlüsselfunktion von Führungskräften
Dabei war allen Beteiligten klar: Die Führungskräfte spielen für den Erfolg des Projekts eine zentrale Rolle, denn sie
prägen aufgrund ihrer Funktion weitgehend die Rahmenbedingungen der Arbeit ihrer Mitarbeiter und
haben eine Vorbildfunktion für diese.

Folglich können sie einen zentralen Beitrag zur Stärkung der Gesundheit und zur Förderung eines gesundheitsorientierten Verhaltens  ihrer Mitarbeiter leisten. Deshalb haben sie in jedem modernen betrieblichen Gesundheitsmanagementsystem eine Schlüsselrolle und dabei ist wiederum der regelmäßige Dialog mit den Mitarbeitern über das Thema Gesundheit von zentraler Bedeutung. 

Deshalb entschied das Projektteam: In dem  Projekt soll den Führungskräften auch die Kompetenz zum Verankern des Themas Eigenverantwortung in Sachen Gesundheit in den Köpfen ihrer Mitarbeiter vermittelt werden. Deshalb wurde in das Qualifizierungsprogramm für die Führungskräfte auch ein Modul integriert, bei dem diese lernen, ihre Führungs- und Vorbildfunktion in Sachen  Gesundheit aktiv wahrzunehmen und einen regelmäßigen Dialog mit ihren Mitarbeitern über die Gesundheit zu führen, der dazu führt, dass die Mitarbeiter für sich Strategien zum Bewahren bzw. Fördern ihrer Gesundheit sowie Leistungsfähigkeit und -bereitschaft entwickeln. 

Das Qualifizierungsprogramm für die Führungskräfte
Der Versicherungskonzern entschied, das letztlich beschlossene Konzept zunächst nur in einer Vertriebsregion mit 58 Führungskräften und 412 Mitarbeitern zu realisieren. Nach der Evaluierung dieses Pilotprojekts sollte über ein mögliches Roll-out entschieden werden. Den Auftakt der Qualifizierungsinitiative bildeten im Januar und März 2019 fünf zweitägige Veranstaltungen für jeweils etwa ein Dutzend Führungskräfte. In ihnen wurden die Grundlagen zum Etablieren und Entwickeln der gewünschten Führungs- und Gesundheitskompetenzen bei den Teilnehmern gelegt. In den Seminaren wurde den Führungskräften unter anderem vermittelt, dass sie bezüglich der Gesundheitsförderung und -prävention in ihrem Bereich drei Funktionen haben: 

  1. Vorbild für ihre Mitarbeiter und Multiplikator eines gesundheitsfördernden und -bewahrenden Verhaltens,
  2. „Kreatoren“ bzw. „Gestalter“ eines gesundheitsfördernden Arbeitsklimas in ihrem Arbeitsbereich und 
  3.  Ansprechpartner bei Gesundheitsthemen und -sorgen der Mitarbeiter sowie Mit-Gestalter der betrieblichen Rahmenbedingungen.

Am ersten Tag lag der Fokus auf dem eigenen Gesundheitsverhalten, denn: Nur wer sich selbst bewusst und gesund führt, kann auch andere Menschen gesund führen. Zum Einstieg reflektierten die Führungskräfte ihren Gesundheitszustand und erkannten, wie die fünf Ebenen bzw. Dimensionen der Gesundheit sich wechselseitig beeinflussen (siehe Abb. 1). Dabei lauteten die Kernfragen: 
Wer trägt die Verantwortung für eigene Gesundheit? Und: 
In welcher Form und in welchem Umfang geschieht das?

Danach wurden in sechs Mini-Workshops die Grundlagen des Zusammenwirkens der verschiedenen Ebenen von Gesundheit vermittelt und vertieft. An jeder Station notierten die Teilnehmer die für sie wichtigsten Erkenntnisse und formulierten unter Berücksichtigung der Leiter der Verantwortung (Abb. 2) die hieraus resultierenden Veränderungsimpulse für ihre persönliche Gesundheitsstrategie. 

Ergänzend zu den Trainingseinheiten erhielt jede Führungskraft am Morgen des zweiten Tags ein 20-minütiges, persönliches Gesundheitscoaching. Auf der Grundlage der mitgebrachten persönlichen und biografischen Daten wie Alter, Geschlecht, Größe und Gewicht wurde mit einem Arzt in einem persönlichen Gespräch die aktuelle Gesundheitssituation ermittelt. Als Basis dazu diente ein Herzratenvariabilitäts-Check (HRV), der unter anderem durch einen Fitnesstest, eine Blutzucker- und Blutdruckmessung sowie eine Ermittlung des BMI ergänzt wurde. Die Ergebnisse dokumentierten die Führungskräfte in ihren Unterlagen und checkten und ergänzten mit dem ärztlichen Coach ihre Gesundheitsziele und -strategien – unter Berücksichtigung ihrer Persönlichkeit und individuellen Lebenssituation. Am Abend trieben sie dann mit ihren Kollegen angeleitet durch einen Trainer aktiv Sport oder lernten Entspannungsübungen kennen. 

Führungssituationen analysiert und reflektiert
Am zweiten Tag lag der Schwerpunkt auf dem Thema „Gesund führen“. Die Führungskräfte reflektierten Situationen, in denen sie selbst Führung erlebten. Sie identifizierten Verhaltensweisen und Reaktionen ihrer Führungskräfte, 

  • die sie selbst als kränkend und somit krankmachend empfanden oder
  • die ihr Selbstvertrauen und somit ihre Leistungsmotivation und -fähigkeit minderten.

Danach erarbeiteten sie mithilfe des Modells der Salutogenese konkrete Verhaltensanleitungen und -maximen für eine gute und gesunde Führung in ihrem eigenen Führungsalltag. Dabei lag ein Schwerpunkt auf den vielen Facetten und Wirkungen von Anerkennung (Lob, Respekt/Wertschätzung, danke sagen).  

Im Spätsommer 2019, also circa ein halbes Jahr nach den Auftaktveranstaltungen, folgten eintägige Reflexionsseminare. Dort spiegelten die Führungskräfte im Kollegenkreis ihre individuellen Erfahrungen mit ihrer Gesundheitsstrategie in den zurückliegenden Monaten im Betriebs-, Führungs- und Lebensalltag: Stärken und Handlungsfelder wurden benannt. Zur Selbstreflexion ermittelten die Führungskräfte zudem ihre persönlichen „Antreiber“ und machten sich ihre unbewussten Anforderungen und Erwartungen sowohl an sich selbst als auch an die Personen in ihrem Umfeld bewusst. In Trainingseinheiten wendeten sie zudem die Instrumente eines gesunden Führens auf konkrete Arbeitssituationen an. So erwarben die Führungskräfte Schritt für Schritt die Kompetenz, mit den Tools in ihrem „Werkzeugkoffer für gesunde Führung“ ihre Führungsarbeit am Ziel, die eigene Gesundheit und die der Mitarbeiter fördern, auszurichten.  

Das Qualifizierungsprogramm für die Mitarbeiter
Im Juni und Juli 2019 fanden eintägige Präsenzseminare für die Mitarbeiter unter der Überschrift „Gesundheit ist nicht alles, doch ohne Gesundheit ist alles nichts“ statt. Auf diese Veranstaltungen mit bis zu 80 Teilnehmern wurden die Mitarbeiter von ihren Führungskräften eingestimmt – unter anderem mittels der Infos, die sie selbst in ihrer Auftaktveranstaltung über die verschiedenen Gesundheitsthemen erhalten hatten. 

In den Seminaren beschäftigten sich die Mitarbeiter ebenfalls mit den fünf Ebenen der Gesundheit und ihrem Zusammenspiel. Wie bei einem Zirkeltraining durchliefen sie verschiedene Stationen, an denen sie unter anderem viel über folgende Themen erfuhren: 

  • Ernährung: „Der Mensch ist, was er isst.“ 
  • Bewegung: „Wer sich nicht bewegt, spürt seine Fesseln nicht.“ 
  • Schlaf und Entspannung: „Abschalten – ordnet die Gedanken und fördert die Gelassenheit.“ 
  • Veränderungen: „Veränderungen prägen das Leben.“ 
  • Stressmanagement: „Zufriedenheit ist das Maß aller Dinge.“ 
  • Beziehungsmanagement: „Von Herz zu Herz – von Mensch zu Mensch!“ 

Die Themen und Inhalte der Zirkel-Stationen waren identisch mit den Inhalten am ersten Tag der Führungskräfte-Auftaktveranstaltung und, wie zuvor schon ihre Führungskräfte, entwarfen die Teilnehmer anhand der gewonnenen Erkenntnisse ihre persönliche Gesundheitsstrategie. 

Nach diesem Auftakt folgten in den anschließenden Monaten mit einem zeitlichen Abstand von sechs bis acht Wochen Intensiv- Workshops mit maximal 16 Teilnehmern. Dort reflektierten die Vertriebsmitarbeiter unter anderem ihre bisherigen Erfahrungen beim Umsetzen ihrer persönlichen Gesundheitsstrategie. Außerdem erhielten sie in kleinen, selbst gewählten Trainingseinheiten weitere Impulse zu den fünf Dimensionen von Gesundheit.  

Tools fördern die nachhaltige Umsetzung
Das nachhaltige Umsetzen der Gesundheitsstrategie wurde durch umfangreiche Maßnahmen seitens MTI als Beratungsunternehmen unterstützt. So wurden unter anderem Workbooks erstellt, in denen alle Inhalte der Präsenzveranstaltungen nebst Arbeitsblättern und Aufgabenstellungen zur Selbstreflektion nochmals dokumentiert sind. Dabei wurde auf eine attraktive Aufbereitung viel Wert gelegt, um zu erreichen, dass die Workbooks ein regelmäßiger Begleiter der Mitarbeiter beim Umsetzen ihrer Gesundheitsstrategie werden. Zudem wurden in einem eigens im Intranet des Versicherungskonzerns hierfür eingerichteten Informationsportal regelmäßig Lern- und Changeimpulse in Form von Erfolgsgeschichten, Podcasts, Readern, Videos, Checklisten, Newslettern usw. zur individuellen Nutzung publiziert. 

Beim Umsetzen ihrer Gesundheitsstrategie werden die Mitarbeiter und Führungskräfte mittels einer Coaching-App unterstützt. In ihr können sie ihre Erfahrungen und Fragen mit Coaches reflektieren. Sie können auch individuelle Coachings vereinbaren. Diese erfolgen teilweise per Telefon, weitgehend jedoch via Skype und Facetime, da Video-Coachings eine bessere Beziehungsqualität garantieren und das Treffen verbindlicher Coaching-Vereinbarungen erleichtern. Beim Buchen eines solchen Coachings können die Coachees im Buchungstool vorab dessen Fokusthemen bestimmen. Das System schlägt ihnen dann einen Spezialisten aus dem Team als Coach vor. Mit ihm vereinbaren die Führungskräfte oder Mitarbeiter einen Termin.  

Zudem wurde Anfang 2020 das Weiterbildungsprogramm der Versicherung ergänzt. Unter anderem wurden ein Zeit- und Selbstmanagement- Seminar sowie ein Resilienz-Seminar speziell für Außendienstmitarbeiter, das deren spezifische Lebens- und Arbeitssituation berücksichtigt, neu in das Programm aufgenommen.  

Das bewährte Programm wird corona-bedingt modifiziert
Um den Erfolg der Qualifizierungsinitiative zu evaluieren, wurde im November 2019, also circa drei Monate nach den letzten Präsenzseminaren, eine Mitarbeiterbefragung der Teilnehmer durchgeführt. Sie ergab: Über 90 Prozent der Mitarbeiter sind der Auffassung, dass ihre Führungskräfte, seit sie an dem Programm teilnahmen, stärker auf den Aspekt Gesundheit beim Führen achten. Zudem betonten fast zwei Drittel der Teilnehmer, dass sie die meisten Verhaltensänderungen, die sie für sich während des Programms beschlossen hatten, beibehalten haben. Eine Auswertung der Personalabteilung zeigte außerdem: Die krankheitsbedingten Fehltage sind gegenüber dem Vergleichszeitraum im Vorjahr um 11,8 Prozent gesunken. Deshalb entschied die Versicherungsgesellschaft Ende 2019, das Qualifizierungsprogramm 2020 nicht nur im gesamten Vertrieb, sondern auch in anderen Unternehmensbereichen durchzuführen – weitgehend identisch mit dem Programm im Pilotprojekt. 

Dieses Vorhaben wurde im März 2020 corona-bedingt weitgehend auf Eis gelegt – unter anderem, weil durch den Lockdown Präsenzseminare nicht mehr möglich waren. SABINE MACHWÜRTH Mitglied der Geschäftsleitung der international agierenden Managementberatung Machwürth Team International (MTI Consultancy), Visselhövede (Internet: www.mticonsultancy.com) Dessen ungeachtet beschloss das Versicherungsunternehmen, das Qualifizierungsprogramm fortzuführen, weil die Unternehmensleitung der Auffassung war: Gerade in Zeiten, in denen auch unsere Mitarbeiter stark verunsichert sind, ist es wichtig, an diese ein Signal zu senden: „Ihr und Euer Wohlbefinden seid uns wichtig!“

Aus der Ferne geführte Mitarbeiterstehen jetzt im Fokus
Zugleich wurden jedoch die Zielgruppen des Qualifizierungsprogramms neu priorisiert. Die Unternehmensleitung entschied: Im Mittelpunkt sollen fortan zunächst die Mitarbeiter nebst ihren Vorgesetzten stehen, die aus der Ferne bzw. virtuell geführt werden – unabhängig davon, ob es sich bei ihnen um Außendienstmitarbeiter oder Mitarbeiter im Homeoffice handelt. Dies unter anderem vor dem Hintergrund, dass bei den Verantwortlichen im Unternehmen das Bewusstsein reifte: Speziell an diese Mitarbeiter müssen wir gezielt das Signal „Ihr und Euer Wohlergehen seid uns wichtig.“ senden, weil mit ihnen alle persönlichen Treffen und Begegnungen entfielen. Ansonsten wäre, wenn die Pandemie länger andauert, aufgrund der fehlenden Kontakte die Gefahr groß, dass ihre Bindung an das Unternehmen bröckelt. 

Folglich wurde das bestehende Programm so umgestrickt, dass die 

  • Seminar-Module nun auch online stattfinden können und 
  • im Gesamtprogramm stärker die Situation der Mitarbeiter, die aus die Ferne geführt werden, also die zum Beispiel remote arbeiten, berücksichtigt wird.

Zudem flossen in die Seminare für die Führungskräfte verstärkt bereits vorhandene praktische Erfahrungen aus dem Vertrieb ein, in dem auch schon vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie ein Großteil der Mitarbeiter (weitgehend) virtuell bzw. aus der Ferne geführt wurde, – gemäß der Maxime: vom Vertrieb lernen.  

Dieses modifizierte Qualifizierungsprogramm läuft in dem Versicherungsunternehmen seit Mitte April 2020 und weil es bei den Mitarbeitern und ihren Führungskräften auf einen sehr regen Zuspruch stößt, wird es auch 2021 fortgeführt.  

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