Wir müssen die Menschen motivieren

Zur Mitgliedschaft in einer Kammer

Deutsches Ingenieurblatt 10/2022
Aus der Branche
Kammern
Mit 85 Jahren kann ich auf ein langes Leben als Ingenieur zurückblicken. Am 4. April 2022 war ich als Beratender Ingenieur 28 Jahre Mitglied in der Brandenburgischen Ingenieurkammer. Davon habe ich mich zweiundzwanzig Jahre ehrenamtlich in unserem Rechtsausschuss engagiert. Fragen mich heute junge Ingenieure, was sich in meiner Berufsausübung verändert hat und ob sie Mitglied in einer Kammer werden sollen, muss ich bei der Antwort ein wenig ausholen …

Bei meinem Eintritt in die Kammer am 04.04.1994 war ich noch skeptisch, was mir eine Kammermitgliedschaft bringen könnte. Meinen Beruf als Ingenieur übte ich zu diesem Zeitpunkt schon sehr erfolgreich 30 Jahre lang in der DDR und drei Jahre im öffentlichen Dienst der Bundesrepublik aus. Das tat ich, ohne Mitglied einer Kammer zu sein, die es während der längsten Zeit meiner beruflichen Tätigkeit ja auch noch gar nicht gab.   

Trotzdem kam ich immer den verantwortungsvollen Berufspflichten eines Ingenieurs nach.

Bereits unmittelbar nach meinem Studienabschluss 1960 wurden von mir jungem Ingenieur komplizierte Ingenieursleistungen gefordert. Unter den heute geltenden Kammerregularien hätte ich mich ohne die Bauvorlageberechtigung einer Kammer aus heutiger Sicht strafbar gemacht. In meiner DDR-Berufszeit habe ich u.a. viele Jahre ein Planungsbüro und einen ganzen Baubetrieb mit 300 Beschäftigten geleitet. Unser Baubetrieb vereinigte viele unterschiedliche Gewerke und wir hatten ein eigenes Bauplanungsbüro.  

Bauplanung und Bauausführung lagen in meinem Baubetrieb in einer Hand, was sehr erfolgreich funktionierte. So benötigten wir seinerzeit beispielsweise für den Bau von zwei Straßenbrücken vom ersten Planungsstrich bis zur Übergabe an den Aufraggeber ganze sechs Monate. Heute dauert die Sanierung dieser beiden Brücken von der Planung bis zur Fertigstellung über vier Jahre und hat allein 1,5 Jahre Vollsperrung einer Bundesstraße mit kilometerweiten Umleitungen für den gesamten Fernverkehr nach sich gezogen.  

Kein Eintritt mit wehenden Fahnen 
Nach der Wiedervereinigung galten die Gesetze der Bundesrepublik. Auch von erfolgreichen und bekannten Ingenieuren, die beispielsweise Bauwerke wie den Fernsehturm in Berlin projektiert hatten, wurde jetzt eine Kammermitgliedschaft in einer Kammer des öffentlichen Rechts zur Berufsausübung gefordert. Die Aufnahmeprozedur, um Mitglied einer Ingenieurkammer zu werden, empfanden wir zum Teil als sehr erniedrigend. Insbesondere Baubeamte im öffentlichen Dienst aus den Altbundesländern, die damals auch das Baugeschehen in Brandenburg mitbestimmten, schienen der Auffassung zu sein, uns die Grundlagen eines „zivilisierten“ Lebens beibringen zu müssen. Häufig wurden die Qualität unserer Ingenieurausbildung und unsere Fähigkeiten angezweifelt. Für die meisten von uns eine nicht nachvollziehbare und oft auch bösartige Unterstellung.  

So hatte ich beispielsweise neben meinem Ingenieurabschluss als Dipl.- Ing. (FH) Bau zu diesem Zeitpunkt zwei Baufacharbeiterbriefe, Studienabschlüsse in Philosophie, Ökonomie, Soziologie und Menschenführung und nach der Wiedervereinigung im Bau- und Verwaltungsrecht erlangt. Insbesondere Menschen mit Leitungsfunktionen sollten für die Ausübung ihrer Tätigkeit die Wechselwirkung der verschiedensten Wissenschaftsbereiche beachten.  

Zur Wendezeit holte mich der Landrat in das Landratsamt Kyritz. Mit der Zusammenlegung der Landratsämter im Land Brandenburg im Jahr 1994 und den damit verbundenen Personaleinsparungen wurde mir mit 56 Jahren die Möglichkeit eines Vorruhestands angeboten. Das Angebot lehnte ich ab, um mich erfolgreich mit einem eigenem Bauplanungsbüro selbständig zu machen. Dazu musste ich 1994 als Beratender Ingenieur mit Bauvorlageberechtigung Kammermitglied werden.  

Ich gebe zu, dass ich damals nicht mit wehenden Fahnen in unsere Kammer eingetreten bin. Unserem hochverehrten ersten Kammerpräsidenten Dr. Mollenhauer gelang es aber, mich von den Vorteilen einer Kammerzugehörigkeit zu überzeugen. Er bat mich auch, im Arbeitsausschuss Kammerrecht mitzuwirken und die Brandenburgische Ingenieurkammer aus der Taufe zu heben. Dr. Mollenhauer hat es immer sehr gut verstanden, Menschen zu motivieren. Als Präsident selbst stets Vorbild, war er nahezu jeden Tag in der Kammer präsent, inspirierte und spornte uns zur freiwilligen Mithilfe an.  

Ähnliche Schicksale als verbindendes Element 
In wie vielen Hunderten von Stunden haben wir Gründungsmitglieder damals ehrenamtlich für die Kammer gewirkt? Ich kann es nicht mehr beziffern. Uns fehlte ja die Erfahrung mit einer Kammertätigkeit. Computertechnik, wie wir sie heute nutzen, gab es noch nicht. Dr. Mollenhauer organisierte oft Kammerregularien aus anderen Kammern, die uns zum Teil als Vorlage geholfen haben. Unsere Geschäftsstellentätigkeit erfolgte meist ohne Abfindung und war sehr mühselig. Ausarbeitungen wurden auf der Schreibmaschine geschrieben und mit der Post verschickt.  

Unser Ziel als Kammer war, für die Ingenieure in Brandenburg ein gutes Werk zu tun. Viele Ingenieure hatten ihre Arbeit verloren und mussten sich ohne Leitungserfahrung nun selbständig machen und bemühten sich, eigene kleine Planungsbüros aus dem Boden zu stampfen. Damals halfen wir uns noch viel untereinander. Es verbanden uns auch die ähnlichen Schicksale.  

Trotz dieser Bemühungen war es seit der Kammergründung nie leicht, neue Kammermitglieder zu gewinnen. Wir strengten uns in der Kammer an, entsprechend der chinesischen Philosophie von Ying und Yang (Ausgleich der Gegensätze), eine Balance zwischen den Vor- und den Nachteilen einer Kammermitgliedschaft herzustellen.  

1994 gingen die meisten von uns noch davon aus, dass der Ingenieur als menschliches Wesen im Mittelpunkt unserer Kammertätigkeit stehen sollte. 

Der Mensch ist auch als Ingenieur keine Rechenmaschine, die auf Knopfdruck anspringt und immer nach Vorschriften funktioniert. Auch Ingenieure haben Gefühle und suchen im Berufsleben und im Kammerleben nach Zusammenhalt, Aufmerksamkeit, Zuspruch, Anerkennung – und sehnen sich nach dem Prinzip von Anreiz statt Zwang. Es war uns in den Gründungsjahren wichtig, „unseren“ Ingenieuren zu suggerieren, dass die Kammermitgliedschaft eine Ehre sei. Hier kämen Berufskollegen zusammen, die sich kostenlos gegenseitig unterstützen, die ähnlich denken und handeln. Es war unsere Auffassung, dass die Kammer eine Vereinigung von Menschen mit gleichem Studium, gleichem Berufstitel und gleichen Zielen ist. Ingenieurinnen und Ingenieure haben viele gute Eigenschaften: Sie sind in der Regel gut organisiert, können mit Druck und Stress umgehen, nehmen Informationen schnell auf, sind kreativ, können logisch vorausschauend denken, zeigen Initiative und suchen immer nach den besten Lösungen. 

Für die älteren und erfahrenen Ingenieure in unserer Kammer sollte es auch immer eine Ehre sein, unsere jungen Absolventen auf ihrem Karriereweg zu unterstützen und sie als Kammermitglieder zu motivieren, zu überzeugen, zu fördern und zu fordern. Was ist von unserer Aufbruchsstimmung nach 28 Jahren Brandenburgische Ingenieurkammer geblieben? 

Es gibt in unserer Kammer viele hervorragende Fachleute mit Ingenieurabschluss, die auf ihrem Spezialfachgebiet oft Spitzenleistungen vollbringen und sehr erfolgreich, kreativ und fleißig sind. Sie glänzen mit tollen technischen Leistungen und Konstruktionen. Es stellt sich aber die Frage: Hätten sie das nicht auch ohne eine Kammermitgliedschaft erbringen können? Welchen Anteil an diesen oft hervorragenden Ingenieurleistungen hat daran die Mitgliedschaft? 

Wir beklagen die Überalterung der Kammermitglieder und die sinkende Anzahl junger Kammermitglieder. Begründet wird das oft mit dem Argument des demographischen Wandels. Doch ist das wirklich die einzige Ursache? Warum gibt es in der Bundesrepublik 1,6 bis 1,8 Millionen Ingenieure, aber nur 45.500 Ingenieure = 2,84 % davon sind Mitglied in einer Ingenieurkammer (1,52 % als Pflichtmitglieder).  

Was hält 97,16 % der Ingenieure von einer Mitgliedschaft ab? Jeder kluge Mensch kommt bei diesen Zahlen ins Grübeln, von Kammer zu Kammer wird die Nachwuchsfrage intensiv diskutiert. Dabei bräuchten wir uns bei 1,6 Millionen Ingenieurinnen und Ingenieuren doch eigentlich keine Sorgen um Mitglieder zu machen … 

Lieber in die Freiwillige Feuerwehr
Kürzlich hörte ich folgenden Satz: „Ich werde lieber Mitglied in der Freiwilligen Feuerwehr.“ Frage ich junge Menschen, warum sie kein eigenes Ingenieurbüro gründen (obwohl sie durchaus dafür befähigt sind) oder als Sprungbrett für eine eigene erfolgreiche Ingenieurkarriere Mitglied der Ingenieurkammer werden wollen, dann erstaunen mich die ehrlichen, aber sehr ernüchternden Antworten immer wieder. Meist mangelt es ihnen an Unterstützung und einem entsprechenden Netzwerk in diesem Umfeld.  

Manche Argumente stimmen mich in meinem hohen Alter und nach 28 Jahren Ingenieurkammer-Erfahrung sehr nachdenklich. Eigentlich sollte ich mir im Ruhestand über solche Probleme keine Gedanken mehr machen. Und doch prägen mich 28 Jahre Kammermitgliedschaft. Ich bekomme zusätzliche Stirnfalten, wenn ich manche Entwicklungen in den heutigen Ingenieurkammern beobachte. Wir haben es – trotz aller Verwaltungsbürokratie – im Umgang mit den Mitgliedern immer noch mit Menschen zu tun! Das scheint sich zuweilen schwieriger zu gestalten als das Lösen von Fachproblemen. Angesichts der zahlreichen Kriegsherde auf diesem Planeten, dem Elend der betroffenen Menschen, sind persönliche Befindlichkeiten zweitrangig. Menschen meiner Generation erinnern sich an eine Kindheit in Trümmern, ohne Wasser, ohne Nahrung, ohne Strom, ohne Heizmaterial, ohne Telefon und andere Dinge, die uns heute so wichtig sind. Der Respekt vor dem Individuum mag deshalb für uns auf Basis unserer elementaren Erfahrungen so einen hohen Stellenwert haben. Ich vermisse das immer mehr, auch in der Kommunikation der Körperschaften mit ihren Mitgliedern – und die zielgerichtete Ansprache an Ingenieurinnen und Ingenieure, die wir für unsere Sache gewinnen wollen. 

Viele Menschen möchten nach wie vor ernst genommen und abgeholt werden, um sich als Teil einer Sache zu fühlen. Da das weit streuende aber oberflächliche „Gießkannen- Prinzip“ nicht den erwünschten Erfolg bringt, müssen wir neue Wege andenken. Zielgruppendefinierte, respektvolle und persönliche Ansprachen sind aufwändig, keine Frage, doch meist bringen sie genau das gewisse Etwas mit, das einen Menschen aus der Interessenlosigkeit in eine Mitgliedschaft lockt. Ich wünsche gutes Gelingen.