Das erste rückbaubare WDV-System

Ausgezeichnet mit dem Bundespreis ecodesign

bauplaner 06/2020
Dämmtechnik

Was passiert eigentlich mit einem Wärmedämmverbundsystem, wenn ein Gebäude das Ende seiner Nutzungszeit erreicht hat? Gibt es recyclingfähige WDV-Systeme? Ein Hersteller hat sich dieser Thematik angenommen und ein vollmineralisches, dickschichtiges System entwickelt, das sich nach dem Ende seiner Nutzungsdauer sortenrein trennen und wieder dem Rohstoffkreislauf zuführen lässt.

Über Wärmedämmverbundsysteme wurde in den letzten Jahren immer wieder diskutiert. In der Kritik standen unterschiedliche Aspekte, insbesondere der Brandschutz war im Fokus der Medienberichterstattung. Aber auch eine verstärkte Veralgung gedämmter Fassaden beziehungsweise die Verwendung von umweltschädlichen Bioziden zur Algenabwehr wurden thematisiert. Einige Planer und Architekten gehen davon aus, dass sich durch WDVS die Möglichkeiten der Fassadengestaltung verringern und lehnen WDV-Systeme als „nicht authentische, unechte“ Bauweise ab. Und schließlich wurde die fehlende Möglichkeit zur Trennung und zum Recycling der Verbundkomponenten beanstandet. Obwohl die Kritik teilweise zu pauschal war, handelt es sich um legitime Fragen und Anliegen der Öffentlichkeit, die eine ernsthafte Prüfung und Antworten verdienen.
Der Baustoffhersteller Saint-Gobain Weber hat die offenen Punkte Schritt für Schritt abgearbeitet und mit „weber.therm circle“ ein Wärmedämmverbundsystem entwickelt, das alle genannten Punkte beantwortet.

Ein WDVS mit vielen Vorzügen

Als vollmineralisches System bietet das Produkt den hohen Brandschutz der Baustoffklasse A1, denn durch seine mineralischen Bestandteile wie Gesteine, Sand, Kalk und Zement ist es nicht brennbar. Zusätzliche Brandschutzmaßnahmen wie Brandriegel, die gemäß neuer Brandschutzverordnung bei EPS-System zum Einsatz kommen müssen, können entfallen.
Systembestandteil sind auch mineralische „AquaBalance“-Oberputze. Diese schützen die Fassade langfristig gegen Algen- und Pilzbefall, ohne die Umwelt mit Bioziden zu belasten.
Erreicht wird dies mithilfe einer umweltfreundlichen Technologie, die das hydrophile Funktionsprinzip mineralischer Putze aufgreift und verstärkt. Ebenfalls algenhemmend wirkt die solide Putzschicht von bis zu 25 mm Dicke, da sie Wärme besser speichert und daher schneller abtrocknet als dünnschichtige Putzlagen.
Durch die robuste Putzschale ist das WDVS zudem wartungsärmer als dünnschichtige Systeme, denn sie sorgt für einen erhöhten Schutz gegen Schlagregen und mechanische Beanspruchungen.
Der dickschichtige mineralische Putz erlaubt die Gestaltung der Fassade mit vielfältigen Strukturen. Traditionelle Putztechniken wie Besenstrich, Kammzug, Schleppputz oder Edelkratzputz ermöglichen eine Optik und Haptik nach dem Geschmack des Bauherrn.
Durch die Qualität der verwendeten Mineralwollplatten, die doppelte Armierung sowie den dickschichtigen Putz erreicht das Gesamtsystem eine Solidität, die sich durchaus mit modernen Hochlochziegelkonstruktionen vergleichen lässt.
Zusätzlich zu diesen Vorteilen verfolgt weber.therm circle als erstes Wärmedämmverbundsystem konsequent den Ansatz der Recyclierbarkeit. Hat es das Ende seiner Lebensdauer erreicht, entstehen aus dem sortenrein rückbaubaren und recyclierfähigen WDVS wieder neue Produkte. Alle Komponenten– Dämmstoff, Dübel, Gewebe und mineralische Putzmörtel – können sortenrein getrennt und der Wiederverwertung zugeführt werden. Ein Meilenstein in der Entwicklung von WDVS, denn gerade im Bereich des Rohstoffkreislaufes gibt es in der Baustoffindustrie einiges aufzuholen.

Zero Waste

Aktuell werden in Deutschland pro Jahr rund 37 Millionen Kubikmeter Dämmstoffe (alle Nutzungsarten) und 100 Millionen Tonnen Sand für Bautätigkeiten verbraucht. Beim Rückbau werden diese Baustoffe in aller Regel gemischt entsorgt und sind damit für eine weitere Nutzung im Hochbau verloren. Dabei gelten Baumaterialien im Gebäudebestand angesichts immer knapper werdender Ressourcen als die Rohstoffe der Zukunft. Hinzu kommt, dass die Entsorgungskosten für gemischte Baustellenabfälle in den vergangenen Jahren stark gestiegen sind und weiter steigen werden.
Bei einem Komplettrückbau steht die sortenreine Trennung im Fokus, bei einem Systemrückbau geht es zusätzlich darum, den Untergrund möglichst schadenfrei zu erhalten. Die Praxis zeigt, dass beim Entfernen verklebter Systeme für gewöhnlich Reste der Dämmplatte haften bleiben. Werden diese abgestemmt, entstehen Schäden, die das Anbringen eines neuen Systems erschweren. Beim Rückbau von weber.therm circle dagegen wird das Mauerwerk geschont und behält nahezu seinen Ursprungszustand.
Im Falle von An- oder Umbauten kann somit schnell und sauber demontiert werden, und an den Fassadenflächen lässt sich unmittelbar weiterarbeiten.

Bewährte Konstruktion

In der Verarbeitung knüpft das WDVS von Saint-Gobain Weber an die bewährte Konstruktionsweise dieser Systeme an, Fachhandwerksbetriebe müssen ihre Arbeitsweise daher nicht umstellen. Allerdings werden die Mineralwolledämmplatten ohne Klebemörtel auf dem Untergrund befestigt. Die Schraubdübel werden versenkt montiert und die Dübelköpfe anschließend mit Dübelrondellen aus Mineralwolle abgedeckt, um Wärmebrücken zu verhindern. Rein mechanisch befestigte Systeme erfordern ein abgestimmtes Zusammenspiel von schubsteifem Mineralwolldämmstoff, Hochleistungsbefestiger, multifunktionalem Versenkteller sowie einem abgestimmten massiven Armierungsgrundputz. Dieser Armierungsgrundputz hat eine egalisierende und versteifende Funktion. Der Grundputz wird mit einem sogenannten Separationsgewebe in einer Schichtdicke von 10 bis 15 mm auf die Dämmplatte aufgebracht. Dabei wird das Gewebe– anders als bei der Armierung – nicht im oberen, sondern im unteren Drittel und somit nah an der Dämmplatte platziert. Dies erleichtert später den rückstandslosen Rückbau. Auf die Separationsschicht folgt die Armierungsschicht.
Hierzu wird ein leichter Armierungsputz in einer Schichtdicke von 5 bis 8 mm aufgebracht und das Armierungsgewebe eingebettet. Die Ausführung von Ecken und Anschlüssen erfolgt analog zu üblichen WDV-Systemen. Mit dem Oberputz wird die dritte Putzschicht aufgetragen. Das solide Putzsystem kann so eine Schichtdicke von über 25 mm erreichen. Um eine hohe Ausführungssicherheit zu gewährleisten, ist die Verarbeitung ausschließlich zertifizierten Handwerksbetrieben vorbehalten. Saint-Gobain Weber bietet entsprechende Schulungen an.

Sauberer Rückbau

Am Ende seiner Lebensdauer lässt sich das WDVS problemlos rückbauen. Hierzu wird die Putzschicht rasterförmig mit einer Mauernutfräse aufgeschnitten. Dann wird das Separationsgewebe vom Abbruchgreifer des Baggers gefasst und gestrippt, das heißt bahnenweise mitsamt dem Putz sauber abgezogen. Anschließend können die Stahlschrauben aus der Wand geschraubt und die Dübelköpfe mit einer Fräse vom Dübel geschnitten werden. Die Mineralwollplatten werden im Ganzen von der Wand genommen. Schließlich lassen sich die demontierten Bauteile separat sammeln und als sortenreine Rohstoffe einer neuen Nutzung zuführen.