Flächenrecycling statt Flächenverbrauch

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Deutscher Brownfield Verband setzt sich für die Revitalisierung von Brachflächen ein

Eine Fläche so groß wie 80 Fußballfelder verschlingt der Hunger nach neuen Straßen, Häusern und Gewerbegebieten allein in Deutschland täglich. Damit soll spätestens 2050 Schluss sein. Bis dahin will die Europäische Union den Flächenverbrauch nämlich auf Netto-Null reduzieren. Ohne die Nutzung alter Industriebrachen – sogenannter Brownfields – wird das nicht möglich sein. Dennoch scheitert das Flächenrecycling oft an ungeklärten Zuständigkeiten und bürokratischen Hürden. Diesen Problemen nimmt sich der neugegründete Deutsche Brownfield Verband (DEBV) an und erarbeitet in einem ersten Schritt gemeinsam mit dem Fraunhofer Institut eine Studie zu einem standardisierten Brachflächen-Kataster.

Stillgelegte Industrieflächen belegen derzeit mehr als 150.000 Hektar Fläche in Deutschland. Mit der Revitalisierung bereits genutzter Flächen werden Grünflächen nicht nur vor Neuversiegelung geschützt, sondern auch wiederbelebte Räume in bereits bestehenden und zumeist gut angebundenen Infrastrukturen geschaffen, denn die Flächen befinden sich häufig in urbanen Gebieten – inklusive Strom, Wasser und Datennetzwerk. Gerade die Logistikbranche sucht händeringend nach innerstädtischen Flächen. Eine Umnutzung dieser leerstehenden Brachflächen wäre da nur logisch – doch ganz so einfach ist es nicht.

Bisher fehlen Anreize, diese Flächen aufwendig zu sanieren und über Jahre währende Prozesse in die Gänge zu leiten. Fehlende einheitliche Standards, bürokratische Hürden und der Mangel an Vernetzungsmöglichkeiten für Nutzer und Besitzer erschweren die Erneuerung der Flächen, Rechts- und Planungsunsicherheiten stellen weitere Hindernisse. Unter diesen Voraussetzungen ist ein Flächenrecycling aufwendig und kostspielig. Die Versiegelung unbebauter grüner Flächen ist da oft ergiebiger und weniger mühsam. Und das zu Lasten der Umwelt, der täglich 56 Hektar grüner Fläche geraubt werden – ein steiniger Weg bis zum Netto-Null-Ziel

Deutsche Brownfield Verband: klare Ziele, neue Effizienz

Doch es gibt Grund zur Hoffnung: Um die Wiederbelebung von Brownfields attraktiv zu machen und die Neuentwicklung von Brachflächen zu fördern, hat sich der Deutsche Brownfield Verband zusammengeschlossen. Gegründet wurde er im Dezember 2020 auf Initiative des Netzwerks für Revitalisierungsprojekte Brownfield24. Aus dem Zusammenschluss der Brownfield Verband-Akteure wird die Expertise zum Thema auf vielen Ebenen gebündelt. "Wir alle müssen das oberste Ziel verfolgen, den Flächenverbrauch zu reduzieren", sagt Vorstandsmitglied Mustafa Kösebay, Associate Partner beim auf den Bau- und Immobiliensektor spezialisierten Beratungsunternehmen Drees & Sommer SE. "Das bedingt, den Fokus auf die Entwicklung und Nachnutzung von brachliegenden Flächen zu richten. Hierzu zählen Industriestandorte, Bahnflächen oder Militärflächen."
Der Verband möchte unter anderem gesetzliche Rahmenbedingungen für eine Begünstigung von Brownfield-Entwicklung schaffen, Akteure vernetzen, einen Fonds errichten und staatliche Förderprogramme etablieren. "Brownfield-Entwickler nehmen die große Verantwortung in die Hand, versiegelte Flächen neu aufzuwerten und wieder nutzbar zu machen, das bringt Kosten und Zeit mit sich und muss belohnt werden", so der Experte für Brachflächen- und Konversionsprojekte. Kösebay hält ein einheitliches Zertifizierungssystem und festgelegte Standards, auf deren Basis Brownfield-Entwicklungen messbar gemacht und beschleunigt werden könnten, für besonders sinnvoll: "Zwar gibt es Bauzertifizierungen, keine davon widmet sich jedoch gezielt Brownfields. Dabei sollte die vorherige Nutzung einer Fläche eine große Rolle in ihrer Bewertung spiele."
Projekte wie das Quartier Neckarspinnerei in Wendlingen zeigen, wie das volle Potenzial der Flächen genutzt werden könnte: Das denkmalgeschützte Areal wird im Rahmen der IBA’27 für eine Mischnutzung aus Gewerbe und Wohnen aufgefrischt. Aus der Jägerkaserne in Trier entsteht derzeit das Irrbachquartier mit circa 400 Wohneinheiten.

Ein Kataster für alle Fälle

Die Errichtung eines bundesweiten Brachflächenkatasters, das alle leerstehenden Flächen digital erfasst und für Interessenten ersichtlich macht, ist ein zentrales Instrument in den Plänen des Verbands. Gemeinsam mit dem Fraunhofer Institut wird derzeit mit Hilfe Künstlicher Intelligenz eine Machbarkeitsstudie für ein solches Kataster erstellt. "Das Brachflächenkataster kann ein erster Schritt dafür sein, die Potenziale von Brownfields sichtbar zu machen und solche Flächen auch mehr in den Fokus zu bringen. So kann schnell abgewogen werden, ob eine Brownfieldentwicklung aus wirtschaftlicher, zeitlicher oder planerischer Sicht sogar sehr lohnend sein kann", erklärt Kösebay. Im ersten Quartal 2022 wird die Studie abgeschlossen. Die Chancen stehen gut, dass trostlose Brachflächen schon bald der Vergangenheit angehören.
 

Weitere Informationen

Alle Informationen zum DEBV stehen zur Verfügung unter www.deutscherbrownfieldverband.de 

Wie Bestandsimmobilien fit für die Zukunft gemacht werden können, erfahren Sie im Drees & Sommer-Dossier "Upgrade statt Abriss", kostenlos downloadbar unter www.dreso.com

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